Freitag, 27. September 2013

Guinness, Gälisch, Glitzergraus

Hi lovely people,
nun sind meine ersten 4 Wochen im Praktikum geschafft und es sind insgesamt schon fast anderthalb irische Monate um. Die stressigste organisatorische und orientierungslose Zeit scheint überwunden zu sein und das Gefühl, angekommen zu sein, breitet sich aus.
Letzten Freitag waren wir auf einer Geburtstagsparty für eine Teamkollegin aus der Krippe eingeladen. Ihr Mann hatte eine Überraschungsparty für sie organisiert, in einer schönen Hotel-Bar in der Innenstadt und eine Mitarbeiterin aus dem Team, die mir besonders freundlich zugewandt ist, hat Fredi und mich zu dem Abend auch eingeladen. Den gesamten Freitag verbrachten wir dann tagsüber erst einmal damit, „ausgehtaugliche“ Schuhe für mich zu finden, da ich nur Winterstiefel, Wanderschuhe und Sneakers mitgenommen habe und auch nie erwartet hätte, dass man sich hier zur Abendstunde und selbst in den Pubs so unfassbar aufstylt. Leider ist der irische Stil aber auch wirklich nicht meiner, weder die Jogginghosen tagsüber noch die Extravaganz am Abend (Warum kann man nicht einfach die ganze Zeit über gepflegt und nett aussehen, statt tagsüber gammelig und abends bitchig?? Kann ich irgendwie auch nicht einsehen…). Ausgehtaugliche Schuhe zu finden, ohne meinem Stil untreu zu werden, schien scheinbar unmöglich… es gab haufenweise untragbaren, billigen Glitzer oder super teure konservative Langeweile! Stunden später wurden wir dann glücklicherweise erlöst, als wir zum zweiten Mal einen Second-Hand-Shop betraten und ich nochmal mit der Lupe das Schuhregal abging, während Fredi sich nach einer Volunteering-Möglichkeit erkundigte, da am Schaufenster ein Aushang war, dass Leute gesucht werden. Fredi bekam ein Formular zum Ausfüllen und ich fand weinrote, schöne, oldschool-mäßige, doch alternativ-ausgefähige Stiefeletten…hach! Zwar 2 Nummern zu groß, aber was solls! Schnell gekauft, in einer Drogerie noch Einlage-Sohlen zur Größenreduzierung und mithilfe von dicken Socken sollte es schon passen! Dafür sind sie nun ein wahres Schmuckstück aus einem Charity-Shop und ich bin gerade noch einmal dem Glitzer-Graus entkommen.
Ziemlich erschöpft aber wunderschick kamen wir dann gegen 20:30 Uhr im House Hotel an. Die Sorge, die anderen in der großen Bar nicht zu finden, ließ schnell nach, nachdem wir eine Ecke fanden, die nach allen Mitteln der Amerikanistik dekoriert wurde. Die Kollegin wurde 40 und nach den Gesprächen bei der Arbeit zu urteilen, kann sie gar nicht gut älter werden und wollte deshalb wohl auch nicht feiern, sodass ich vorher dachte: „Okay, das Alter sollte am besten gar nicht erwähnt werden an dem Abend“. Ich musste kurz laut lachen, als ich dann eine riiiesige 40 aus roten, übergroßen Luftballons über unseren Tischen schweben sah und auch sonst wurde mit Deko und Auffälligkeiten nicht gespart. Diskretion ist hier also doch nicht unbedingt angesagt. Als wir kamen waren gerade noch Leute dabei, ein großes „Happy Birthday“-Banner aufzuhängen und da nunmal ein Gemälde an der Stelle der Wand hing, an der das Banner befestigt werden sollte, wurde es kurzerhand eben mit Tesafilm auf der schönen Ölmalerei festgeklebt. Kann man mal machen…
Jedenfalls war es ein sehr schöner Abend, der sich als eine wirklich gute Möglichkeit darstellte, sich gegenseitig besser kennenzulernen und ein großes Stück in Richtung Integration ins Team beizutragen. Ich erfuhr nebenbei noch einmal einiges mehr über die Einrichtung und die Kollegen, sowie über den Stadtteil Westside und vieles mehr und auch erfuhr ich, dass die Einrichtung mit der letzten deutschen Studentin, die ihr Praktikum dort gemacht hat, nicht so gute Erfahrungen gemacht hat. Es gab mit ihr einige Ärgernisse, aber dennoch wollten sie mir die Chance zu einem Praktikum geben, da sie hofften, dieser Ärger mit der Vorgängerin war eher auf der Persönlichkeit dieser Person begründet, statt auf Studium + Deutschland. Dennoch erklärt das natürlich die etwas distanzierte Haltung mir gegenüber zu Beginn. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass durch das Gespräch darüber aber auch zuvor unausgesprochene „Gedanken zwischen den Zeilen“, die im Arbeitsalltag zu spüren waren, etwas behoben werden konnten, sodass das Kita-Team nun u.a. auch weiß, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Fredi und ich hielten uns tapfer bei Guinness und Cider und schafften es auf jeweils 4 Pints, was für mich persönlich eine große Leistung ist, da mir zuvor alles über 2 unschaffbar vorkam. Gegen 3 Uhr machten wir uns dann auf den Rückweg (Regen, bergauf, Wind, bääh) und ließen die Leitung, die Krippen-Gruppenleitung und die tanzende und verrückte Joanne (die uns eingeladen hatte) noch als letzte Partygäste zurück. Der Abend hinterließ die Versprechen von Seiten der Leitung, für Fredis Volunteering-Suche etwas herum zu telefonieren und mir einen Irisch/Gälisch-Sprachkurs klarzumachen, sowie eine Einladung von Joanne, das Deutschland-Irland-Spiel in zwei Wochen bei ihr im Haus zu schauen, zusammen mit ihren 3 Söhnen und vermutlich noch anderen Leuten aus dem Team. Sie und fast jeder hier ist so unglaublich sportbegeistert, vor allem was Gaelic Football, Fußball und Rugby angeht. War also ein gelungener Abend… und übrigens war auch das gesamte Team top gestylt nach aller Extravaganz, egal ob 26 oder 50, während bei den meisten Jogginghose während der Arbeit Standard ist.
Das restliche Wochenende verbrachten wir dann sehr gemütlich. Sonntag wurde erst das All-Ireland-Finale im Gaelic Football geschaut (Dublin gegen Mayo, ein riesengroßes Ding hier, das wir dazu nutzten, die Regeln von Gaelic Football zu verstehen). Gaelic Football würde ich beschreiben als eine Mischung aus Fußball, Handball, Basketball und Rugby. Sehr verrückt, aber wie sich vermuten lässt auch nicht unbedingt langweilig. Nach dem Spiel verbrachten wir die meiste Zeit am Laptop und verfolgten Dank des ARD-Livestreams die ersten Hochrechnungen und Wahlergebnisse. Hachja, was fällt mir dazu ein… etwas sehr gutes, etwas sehr schlechtes und alles in allem die Erkenntnis, nicht allzu viel verpasst zu haben.
Die letzte Woche im Praktikum war von der Atmosphäre im Team her deutlich angenehmer, dennoch wechseln sich die Tage ab, an denen ich viel Spaß und Energie mit den Kindern habe und die, an denen ich mich ziemlich erschöpft und abwesend von Minute zu Minute hangel. Es scheint immer 2 gute und 2 schlechte Tage pro Woche zu geben, keine Ahnung, woran es liegt, außer der immer wiederkehrenden Erkenntnis, dass ich nicht für die Arbeit in einer Kita gemacht bin. Zu viele Kinder, zu laut, zu viel Entertainment, gute Laune ab 9 Uhr morgens…
Am Montag kam jedoch direkt Pauline (die Leitung) zu mir und meinte, sie hätte mir einen Sprachkurs in Irisch klargemacht und ich könnte ab Mittwoch anfangen. Die Aussage, dass ich Irisch lernen möchte, war zwar zum Teil auch etwas in den 4 Pints Cider begründet, aber dennoch interessiert mich das Gälische sehr, da es noch einmal einen anderen Einblick in die irische Kultur und Vergangenheit verrät, die irische Sprache mir so verrückt erscheint, dass ich gerne auch nur einen Funken von Struktur darin entdecken würde und ich es auch als Chance gesehen habe, neue Leute kennenzulernen. Also nahm ich das Angebot dankend an, versuchte noch, auch Fredi dazu zu überreden und meldete dann doch leider nur mich zu dem Kurs an. Pauline bemühte sich am Montag dann auch, eine mögliche Organisation zum Volunteering für Fredi telefonisch zu erreichen und nach einigen Versuchen gelang es ihr auch, sodass sie mir noch zwei weitere Nummern für Fredi mitgab. Wow, wenn das keine schnelle Umsetzung von Besoffski-Versprechen ist! :) Auch wurde ich am Montag plötzlich so manch einem Kind vorgestellt, mit: „Say hi to Ronya, she’s our new friend.“ Oder Pauline bat Leute aus dem Team, etwas langsamer zu sprechen, damit ich bei dem irischen Akzent mehr verstehe… tja, was so ein Partyabend doch alles bewirken kann…
Am Mittwoch kam Fredi nach meinem Arbeitsende nach Westside, da ich bis zum Sprachkurs (direkt neben meiner Kita) noch 3 Stunden frei hatte, aber ungern nach Hause fahren wollte und abends wieder dorthin, da mich die 15-minütige Berg- und Talfahrt mit dem Fahrrad immer noch konditionell belastet! :D Es geht aber auch wirklich fies bergauf!! Wir gingen dann also zusammen in Westside zu Mittag essen und noch etwas einkaufen, bis sich Fredi wieder auf den Rückweg machte und ich die Bibliothek neben dem Westside Ressource Centre (indem meine Kita ist und auch der Sprachkurs) noch etwas erkundete. Ich hatte gehofft, dass sich dort einige Bücher finden lassen, die ich für meine Uniberichte und –projekte gebrauchen kann, allerdings gibt es dort sehr wenig wissenschaftliche Literatur. Dennoch werde ich mir am Montag einen Ausweis ausstellen lassen, da ich das ein oder andere interessante Buch auf jeden Fall ausfindig machen konnte und auch gibt es mir die Möglichkeit, etwas über ein Thema zu recherchieren, das mich hier sehr beschäftigt, nämlich die „Irish Travellers“ – eine irische Minderheitengruppe, die durchweg starken Diskriminierungen in Irland ausgesetzt ist und deren Kinder zu einem Großteil in meiner Krippe betreut werden. Eine solche Art von Diskriminierung ist mir bisher unbekannt, daher wird es dazu in den nächsten Tagen noch einmal einen gesonderten Blogeintrag geben. Ebenso zu einem zweiten Thema, das mir diese Woche keine Ruhe gelassen hat und das sich auf den Umgang mit Mädchen in Hinblick auf Äußerlichkeiten bezieht.
Jah, nach einer Stunde lesen in der Bib ging es dann von 19-20 Uhr zum Sprachkurs und tatsächlich war ich die einzige Teilnehmerin an dem Tag und bekam somit eine Privatstunde (so viel zum Thema „neue Leute kennenlernen“). Dennoch war es nicht schlecht, da der Kurs wohl eine Woche zuvor angefangen hat und ich somit das aufholen konnte, was die anderen letzte Woche gemacht haben – es sind wohl normalerweise so um die 6 Leute. Die irische Sprache ist einfach unfassbar verrückt, die Schreibweise ist genau gegenteilig zur Aussprache und ich muss mir ganz neue Laute aneignen. Dann gibt es z.B. auch Zahlenworte für normales Zählen, komplett andere Zahlenworte, wenn man Personen zählt und wieder heißen die Zahlen ganz anders, wenn sie vor einem Objekt stehen. Die Worte für 1,2,3 sind also ganz anders, als die Worte für „Ein Mensch, zwei Menschen, drei Menschen“ und die sind wiederum ganz anders als die Worte für „Eine Tasse, zwei Tassen, drei Tassen“. Ich bin mir relativ sicher, dass die Sprache von Aliens importiert wurde.
Ich weiß nicht, wie lange ich den Sprachkurs durchziehe, aber ein paar Wochen habe ich mir schon vorgenommen. Die Lehrerin, Joanne, ist jedenfalls sehr nett und ist eigentlich Grundschullehrerin an einer Schule für autistische Kinder. Wer weiß, noch ein paar Privatstunden mehr und sie nimmt mich vielleicht mal mit in ihre Schule?? ;)
Fredi hat die Woche an seiner Volunteering-Suche weitergearbeitet und musste dafür viele Formalsachen bearbeiten. Für Montag hat er nun aber einen Termin im Volunteering Centre in der Innenstadt und für Dienstag einen Termin bei der Organisation, die Pauline ihm vermittelt hatte – ich glaube, dort gibt es ein Jugendzentrum, also klingt es wirklich interessant. Beim Termin im Volunteering Centre geht es darum, eine geeignete Freiwilligenarbeit für Fredi zu besprechen, da ist also noch ganz offen, in welche Bereiche es geht. Auch gibt es doch die Option zu der Arbeit in dem einen Charity Shop, wofür eben nächste Woche noch Dokumente abgegeben werden müssen. Es geht also voran! Ansonsten sorgt er weiterhin dafür, dass ich mich gesund ernähre und verwöhnt mich mit Vegetarischem aller Art. Man muss dazu sagen, dass wir direkt über der größten irischen Fastfood-Kette „Supermacs“ wohnen und unsere Straße voll ist mit schnellen Essens-Angeboten (italienisch, chinesisch, irisch) – ohne Fredi und seine hohe Kochmotivation wäre ich zum Dinner also wahrscheinlich überall eher zu finden, als in der eigenen Küche und müsste mir für den Rückflug einen Doppelsitz buchen. Fredi ist mittlerweile nach dem Burger-Marathon der ersten 10 Tage in Kombination mit dem Buch „Eating Animals“, das wir hier gemeinsam lesen auch zum Vegetarismus (oder so) übergegangen (Danke nochmal an Smarty für das Buch, das ist ja einfach nur übertriebenst krass (Inhalt ebenso wie Schreibweise)) – ich weiß nicht, ob es noch irgendwem möglich ist, nach diesem Buch noch immer Fleisch zu essen, das Lesen sollte also wohlüberlegt sein! ;)
So far so good! Alles Liebe an euch liebe Menschen und zum Schluss noch ein paar weise, irische Worte:
Tóg am chun grá a thabhairt is grá a fháil. (= Nimm dir Zeit zu lieben und geliebt zu werden.)

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