Hallo ihr Lieben,
es ist mal wieder Zeit für einen neuen Eintrag.
In der Krippe geht momentan alles so seinen Lauf und es gab
in den letzten Tagen viele interessante Pausengespräche, vor allem mit Pauline,
der Leitung der Einrichtung. Sie hat mir so zum Beispiel von ihrer Schulzeit
erzählt, die sehr schrecklich war und so kamen wir grundsätzlich auf das Thema
„katholisches Irland“. Im Reiseführer stand, man sollte mit Iren besser nicht
über Religion sprechen, da der katholische Glaube überall sehr stark verankert
ist und es ja lange und immer noch Auseinandersetzungen unter Katholiken und
Protestanten gab. Daher hatte ich ehrlich gesagt bevor ich hierhin gekommen bin
sogar etwas Sorge, dass es nicht gut angesehen sein wird, wenn ich in der
Krippe zugeben muss, nicht getauft zu sein, da ich mir die Erziehung auch sehr
religiös vorgestellt hatte. Pauline erzählte dann davon, dass zu ihrer
Schulzeit alle Schulen in katholischer Hand waren und es kaum Lehrer gab,
sondern sie von Nonnen oder Priestern unterrichtet wurden, die für Schläge und Demütigungen
an den Kindern bekannt waren. Sie selbst hat Prügelstrafen und Demütigungen
erlebt, z.B. dafür dass sie nicht singen konnte und sie hat mitbekommen, wie
dreijährige Kinder geschlagen wurden, weil sie sich eingenässt haben oder ein
anderes Kind lange in einem Zimmer eingesperrt wurde und und und… Und sie sagt,
in ihrer Elterngeneration war es noch viel schlimmer. Auch war das Schlimme,
dass die Nonnen oder Priester eben immer die katholische Kirche hinter sich
hatten, die eine unglaubliche Macht in Irland hatte, sodass die Nonnen immer im
Recht waren, egal was sie taten. Wenn sie ihren Eltern erzählte, was in der
Schule passiert ist, dann hieß es eher „Du musst schlimme Dinge getan haben,
wenn die Nonnen so etwas machen mussten!“ Ein solcher Machteinfluss ist wirklich
unglaublich. Die Leitung empfiehl mir daraufhin auch zwei Filme, die Zustände
aus dem „früheren“ Irland realistisch zeigen – ein Film (A Song for a Raggy
Boy) handelt von den Industrial Schools – Internate für die Ärmsten der
Bevölkerung, quasi für Kinder, die in ihren Familien kaum untergebracht und
ernährt werden konnten, sodass sie auf diese Schule geschickt wurden. Dort
waren die Zustände am allerschlimmsten. Wir haben den Film gesehen und er ist
echt heftig, vor allem weil er auf einer wahren Begebenheit beruht. Unfassbar,
aber diese Schulen haben noch bis 1986 bestanden – die Priester dort erinnerten
mich an SS-Offiziere, die scheinbar ungehindert rohe Gewalt ausüben konnten. Der
zweite Film (The Magdalene Sisters) handelt von einer
Frauen-Strafarbeitsanstalt, die es tatsächlich noch bis 1996 in Irland gegeben
hat. Dort kamen Frauen rein, die der katholischen Kirche nach Verbrechen
begangen haben (z.B. vergewaltigt wurden, vor der Ehe ein Kind bekommen haben
oder auch nur mit Jungen geflirtet haben…) und natürlich waren die Zustände
dort ebenso unbeschreiblich. Ich habe noch viel mit Pauline gesprochen, über
den Katholizismus in Irland – sie selbst und auch die anderen aus dem Team, mit
denen ich gesprochen habe, wollen nichts mehr von der Kirche wissen bzw. haben
damit nichts mehr am Hut und können auch nicht verstehen, wie irgendjemand, der
diese Dinge erlebt hat, noch diesen Glauben haben kann (obwohl es natürlich
sehr viele gibt). Unbegreiflich, wie solche Dinge in Gottes Namen geschehen
konnten und können (sogar diese Woche wurde in einer nahen Gemeinde ein
Priester „aus Gründen der Child Protection“ aus dem Amt entlassen, ein Mann,
den alle total gerne mochten). Schlimm finde ich auch, dass diese Form der „Machtausübung“
der Kirche den Menschen entweder einen unglaublich verdrehten Glauben
vermittelt, der sie vollkommen machtlos, unterwürfig und schuldig macht, oder
sie ihres Glaubens vollständig beraubt, wenn doch die wahre Essenz dessen so
wertvoll sein könnte.
Ja, diese Woche war dieses Thema also relativ dominierend
bei mir. Ich versuche aber auch alles, was mit Irland, dem Leben hier, der
Kultur, der Geschichte, der Sprache zu tun hat aufzusaugen, weil es mich
einfach total interessiert – einfach die Leute zu erleben, deren Sprache zu
beobachten, die Themen, die bei ihnen oder im Alltag dominieren, die Art und
Weise, wie miteinander umgegangen wird, ihre Ansichten über verschiedene Themen
wie eben die Kirche, oder auch Kindererziehung, die Traveller, Politik usw……
mein Forschergeist ist voll und ganz geweckt und am liebsten würde ich Rund um
die Uhr recherchieren, über alles Mögliche. Habe mir aus der Bücherei nun zwei
Bücher ausgeliehen – eins über die Irish Traveller Community (aus der Sicht
einer Hilfsorganisation) und eins über „Das Leben und den Alltag von Familien
mit geringem Einkommen in Irland“. Hachja, alles sehr spannend.
Ansonsten waren die letzten zwei Kita-Woche sehr geprägt von
rauen Kinder-Streitigkeiten, die mich doch immer wieder in ihrer Art und Weise
bzw. Intensität ganz schön schocken konnten. So hat z.B. ein 2,5-Jähriger einen
kleineren Jungen total heftig in den Arm gebissen, sodass der ganze Arm länger
rot und dick war und es eine Wunde hinterlassen hat und der Anblick dieser
Szenerie war ziemlich schrecklich. Seitdem versucht der gleiche Junge immer
wieder, andere Kinder zu beißen, oft ganz plötzlich und sobald er in der Krippe
ist, braucht man immer jemanden, der ihn auf Schritt und Tritt beobachtet und
immer wieder rettet man Kinder noch in letzter Minute, also ganz schön fies.
Ein anderer Junge, der sogar noch unter 2 Jahren ist, hat sich gestern, als
Reaktion darauf, dass ich ihm seine Spielzeugautos weggenommen habe, in meinen
Haaren festgekrallt und gezerrt, mich anschließend mit seinen Patschehändchen immer
wieder ins Gesicht gehauen und mir eine Kratzspur am Arm verpasst! :D
Anschließend hat er mal wieder „out of nowhere“ ein anderes kleines Mädchen
attackiert und ihr von hinten durchs Gesicht gekratzt. Am nächsten Tag hat das
Kerlchen dann dem gleichen Mädchen ein großes Spielzeug gegen den Kopf
geschlagen und damit noch eine weitere Beule verursacht. Dann gibt es einen
Jungen (höchstens 2 Jahre alt), der absichtlich andere Kinder mit großen
Spielzeug-LKWs bewirft, oder versucht auf Babys drauf zuspringen oder ähnliches….Diese
Dinge könnte ich jetzt noch ewig weiter ausführen, da so gut wie jeden Tag
wieder irgendwelche fiesen Attacken am Start sind, aber ich find es generell
einfach nur unfassbar, dass Kinder, die allerhöchstens 3 Jahre alt sind, schon
zu solchen Angriffen in der Lage sind. Kratzen, Beißen, Babys von der Rutsche
schubsen, Kinder extra ins Gesicht treten, Augen quetschen, und natürlich das
Übliche (Hauen, Umschubsen und Ansabbern ;)). Ganz schön krass, vor allem, weil
es Kinder gibt, die so etwas Rund um die Uhr machen und das in einem Alter, in
dem sie selbst zum Teil noch in einem Hochstuhl sitzen, Pempas tragen und
gefüttert werden. Von den Eltern kommen dann tatsächlich zum Teil Tipps wie: „Ihr
müsst den Jungen halt richtig anschreien! Das mach ich zuhause auch immer so,
dann hört der schon auf!“ Achso okay, na dann, wieder was gelernt ;)
Tjaja, nun noch etwas Erfreulich-Harmloses-Schönes:
Am Wochenende hatten wir Besuch von Elina und Till! Unser
erster Besuch „aus der Heimat“, auf den wir uns sehr gefreut haben. Wir haben
die beiden am Busbahnhof abgeholt und unser Gästezimmer wurde mit Leben
gefüllt! :)
Wir verbrachten das Wochenende mit Spaziergängen an unserer Bucht, einem
leckeren Essen beim Italiener auf unserer Straße, einem Marktbesuch und
Stadtbummel, in Pubs, mit gemütlichen Abenden zuhause bei Cider und irischem
Film, einem Spaziergang zu meiner Kita und der Uni und natürlich wurde einiges
an Gesprächsbedarf aufgeholt. Sonntagabend wurde das gemeinsame Wochenende mit Rotwein
und einem, passend zur Jahreszeit super leckeren Kürbisgericht beendet,
gezaubert von Elina und Till, da sich die beiden am nächsten Morgen zu einer
3-tägigen Wandertour zu den Cliffs of Moher aufgemacht haben. Heute haben wir
uns noch einmal kurz, quasi auf ihrer Durchreise nach Dublin gesehen, konnten
die wunderschönen Wanderfotos anschauen und noch ein gemeinsames halbes
Stündchen Meerblick genießen, bevor es dann leider Abschied bis Weihnachten
hieß! Auf diesem Wege also nochmal ein liebes Danke für das schöne Wochenende
und bis bald!! :)
Fotos von dem Wochenende und auch noch welche von der
letzten Zeit zu zweit könnt ihr im Anschluss an diesen Eintrag dann auch im
Blog beschauen!
Bei Fredi und seiner Arbeitssuche hat sich natürlich auch
einiges getan, er ist fündig geworden und hat seine erste Arbeitswoche hinter
sich, wird hierzu aber selbst am Wochenende einen Post verfassen, sodass ich
dem an dieser Stelle nichts vorgreifen möchte.
Morgen sind wir zum Spiel Deutschland-Irland bei einer
Arbeitskollegin aus der Kita eingeladen und werden es dort also mit ihr, ihren
Söhnen, ihrem Freund und mal schauen, wer noch dabei ist („vielleicht kommt
noch mein Cousin, vielleicht noch ein Freund des Sohnes…“), sehen. Sie meinte,
wir sollen uns darauf einstellen, dass sie alle sehr viel schreien werden beim
Fußball gucken und wenn Irland verliert, werden wir verkloppt und nicht mehr
aus dem Haus gelassen. Yey, wir freuen uns beide sehr auf den Abend! :D
Now… take care sweet people!
Peace be with you
Síochán leat
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