Freitag, 25. Oktober 2013

Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.

Hello sweet people,

die Zeit vergeht hier wie im Fluge und ich komme gedanklich nicht hinterher. Gleichzeitig vergeht sie erstaunlicherweise auch wiederum nicht schnell genug, wenn man schon bald elterlichen Besuch erwartet.

Die letzten zwei Wochen war ich recht erschöpft und ermüdet von der Arbeit im Praktikum und bin daher mehr als froh, nun eine Woche Halloween-Urlaub zu haben. Die Einrichtung ist, wie auch viele Schulen, netterweise über Halloween geschlossen…. Endlich macht dieses Fest mal Sinn ;) 

Nachdem ich mich dank Meditationen & Co mehr oder weniger aus meinem Motivationstief der letzten Wochen befreien konnte, konnte ich die Zeit mit den Kindern aber auch wieder mehr genießen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Halloween angesagt war und Babies in orangenen Pumpkin-Kostümen auch einfach besonders putzig aussehen! ;) Mittlerweile habe ich mich sogar zu dem Liebling des ein oder anderen Kindes hochgearbeitet…. Juhu, das süßeste Mädchen aus der Krippe rennt nun immer als erstes auf mich zu, klettert auf meinen Schoß und strahlt mir aus jeder Ecke des Raumes entgegen. Ich glaub ich bin verliebt…

Am meisten freu ich mich aber darüber, dass sich in den letzten Tagen eine richtig gute Beziehung zu dem schwierigsten Kind der Gruppe entwickelt hat. Es ist ein 2,5-Jähriger, der als Autist diagnostiziert wurde, was ich äußerst fraglich finde. Ich glaube eher, dass er sehr stark Grenzen austestet und kann mir kaum vorstellen, dass er wirklich autistisch ist. Ich bin zwar keine Expertin, aber die hohe Rate an Fehldiagnosen ist ja auch nicht unerheblich….. naja, jedenfalls rennt dieser Junge ständig aus dem Gruppenraum, rastet aus, sobald er nicht das bekommt, was er möchte, wirft sich dann schreiend und tretend auf den Boden und er ist dabei schon so groß und kräftig, dass es oft zwei Leute braucht, um ihn wieder in den Gruppenraum zu bringen oder auch um ihn zu wickeln. Ich habe immer wieder versucht, mich mit ihm zu beschäftigen, schöne Dinge zusammen zu machen, aber er war meist nicht sehr zugänglich, was sich nun aber sehr geändert hat. Jetzt kommt er häufig schon von sich aus zu mir und fängt mit dem Spiel an, dass wir am Tag zuvor gemacht haben, und er lacht sehr viel, nimmt mich oft bei der Hand, um mir zu zeigen, was er möchte und wir können für richtig lange Zeit zusammen spielen, Bücher anschauen und richtig Spaß haben. Oft gibt er sogar gestohlene Spielzeuge zurück, wenn ich ihn nett darum bitte und ich war hin und weg von den ersten Worten, die ich von ihm gehört habe, als ich ihn bat, nett zu den anderen Kindern zu sein und sich zu entschuldigen – „I do!“ und es kam sogar noch ein „Sorry“ hinterher. Ich bin sehr froh, dass wir nun so eine gute Beziehung zueinander haben, da ich eigentlich immer relativ streng mit ihm bin, obwohl es die Anweisung gibt, ihn alles machen zu lassen, was er will – da er ja autistisch ist. Leider bin ich der Meinung, dass er genau das Gegenteil bräuchte, nämlich klare Orientierungen und konsequentere Aufmerksamkeit. Komischerweise (oder eben auch nicht) hat er die allerbeste Beziehung zu einer Fachkraft, die am allerstrengsten mit ihm ist – sie ist auch die einzige, die ihn alleine und ohne Probleme wickeln kann.

Naja, die Zeit nach der Arbeit wurde meist mit Schlafen, Essen und Bericht schreiben verbracht, was genauso spannend ist, wie es klingt. Der Irisch-Kurs wird nun doch immer herausfordernder und ich muss ganz schön viel lernen, um am Ball zu bleiben. Mit mir ist nun noch eine Rentnerin dabei, die ein B&B hat. Sie meinte, sie möchte gerne Irisch lernen, da sie bei all den Schlägen und Gürtelhieben der Nonnen damals in der Schule nicht so viel mitnehmen konnte. Sie ist eine ganz schöne Quasselstrippe, was es nicht unbedingt leichter macht, sich auf das Irische zu konzentrieren, aber irgendwie auch witzig ist. Die Irisch-Lehrerin hat nun Radio-Werbung gestartet, um mehr Teilnehmer zu bekommen und senkt ab 4 Leuten den Preis dann auch, also bin ich gespannt wie es sich so weiter entwickelt und habe mir vorgenommen, fleißiger zu lernen :)

Fredi ist viel im Laden beschäftigt und hat letzte Woche auch mal für einen Tag die Chefin vertreten, als sie auf Fortbildung war und so also den Manager gemacht. Ansonsten kommt er nun immer mit neuen Kleidungsstücken nach Hause – ein Gürtel und ein T-Shirt für sich, Schuhe für mich… also neben seinen vielen Arbeitsstunden macht der Laden auch aus der Konsum-Perspektive gut Gewinn mit ihm ;)

Am Wochenende haben wir uns spontan mit Gianna und ihrem Freund Basti getroffen, die für drei Tage in Galway Urlaub von der Großstadt gemacht haben – Gianna haben wir mal auf einer von Elinas wundervollen WG-Parties in Aachen kennengelernt und sie macht momentan ein 5-monatiges Praktikum in Dublin, sodass der Weg nach Galway nicht allzu weit war. Wir haben uns sehr über das überraschende Wiedersehen gefreut und hatten zwei wirklich schöne Pub-Abende. Samstag waren wir im Kings Head und zu später Stunde spielte wieder die gleiche coole Band, wie schon zu meinem Geburtstag. Nach zu vielen Pints und einem nächtlichen Snack ging es wieder durch den Regen spazierend nach Hause und weil‘s so schön war, ging es am nächsten Abend noch einmal los, dieses Mal aber in einen Pub in Salthill, direkt vor unserer Haustür, der alle bisherigen Pubs übertroffen hat. Wir einigten uns darauf, dass es im Inneren am ehesten an Fluch der Karibik erinnerte. Auch hier wurden wir mit Live-Musik verwöhnt und konnten so den sanften irischen Klängen eines älteren Herrn am offenen Klavier lauschen. Erstaunlich, dass wir diesen Pub erst jetzt entdeckt haben, aber umso schöner, dass er nur 5 Regentropfen von unserer Wohnung entfernt liegt.

The Kings Head
O'Connors Pub in Salthill


Am Sonntag findet in der Stadt eine Parade statt, als Halloween-Eröffnung. Schade liebe Eltern, dass ihr sie knapp verpasst, aber dafür findet wenn ihr da seid ein „Monster-Run“ oder so statt – also ich glaube es laufen Leute gruselig verkleidet für einen guten Zweck durch die Stadt…. Aber so genau hab ich das auch noch nicht verstanden… naja, das klingt wohl eher nach nur einem kleinen Trost :D Ich freue mich auf jeden Fall unfassbar auf euren Besuch am Mittwoch, liebe Eltern… die Sonne ist bestellt, Halloween-Schoki gekauft und das Gästezimmer bereit ;)

Zum Abschluss möchte ich hier einen Text teilen, den mir Elina heute geschickt hat (danke!!) und den ich wirklich ganz besonders schön, berührend, inspirierend finde:


Jeder Mensch ist ein Künstler
Lass dich fallen.
Lerne Schnecken zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die ―Ja sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere ―verantwortlich zu sein. Tu es aus Liebe.
Mach viele Nickerchen.
Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache viel.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein, sei frei.
Segne dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

[Joseph Beuys]

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