die letzten zwei Wochen war mal
wieder nicht wenig los, weshalb ich bisher auch noch nicht die Ruhe für einen
neuen Blogeintrag fand. Ein Tag in Limerick, Irisch-Mühen, ein langes
Besucherwochenende mit Martina und Melli, Fredis Geburtstag und der normale
oder auch weniger normale Krippen-Wahnsinn. Fangen wir mal von vorne an:
Ein Tag in Limerick
Ein Tag in Limerick
Vorletztes Wochenende entschieden
Fredi und ich uns dazu, für zwei Tage nach Limerick zu fahren. Ich hatte mir
vorgenommen, mich weniger mit Unisachen zu stressen, weil mich der
Praktikumsalltag schon genug stresst und ich die freie Zeit dann lieber mit
schönen Dingen ausgleichen möchte und so war Limerick die erste Umsetzung
dieses Vorhabens. Ich wollte die Stadt schon seit langem mal sehen, da das
großartige Buch „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt in dieser Stadt
spielt – auch wenn die Stadt in dem Buch ziemlich schrecklich daher kommt.
Limerick ist eine anderthalbstündige Busfahrt von Galway entfernt und so
machten wir uns dann Samstagmittag auf den Weg dorthin. Leider hatten wir an
dem Tag Pech mit dem Wetter und es regnete in Strömen, ohne Unterbrechung.
Limerick – eine alte Industriestadt, etwas kleiner als Galway, aber eher im
Großstadt-Look, zeigte sich daher doch noch ziemlich ähnlich, wie ich es mir
durch das Buch und den dort beschriebenen, vom Regen nassen und überschwemmten
Gassen, vorgestellt hatte :D Die ganze Innenstadt ist durchzogen von großen,
roten Backsteingebäuden – sie ist somit ganz anders als Galway, das sich vor
allem durch viele kleine, bunte und verschieden aussehende Häuschen
auszeichnet. Nachdem wir 3,5 Stunden durch den Regen gelaufen waren und dabei
durchaus auch einen sehr schönen Markt und interessante Lädchen gefunden hatten,
jedoch kein einziges B&B in Sicht war, entschieden wir uns dazu, doch noch
den letzten Bus zurück nach Galway zu nehmen. Die Zeit hat gereicht für einen
ersten Eindruck, und eine Schlossbesichtigung oder ähnliches ist bei diesem
Wetter einfach wirklich kein Spaß, sodass wir uns im Bus schlummernd wieder
Richtung Galway bewegten. Ooooh, wie schön – Es ist uns nun schon mehrmals
aufgefallen, dass wir, sobald wir Galway für einen Ausflug verlassen, die Stadt
schon gleich wieder vermissen und uns auf dem Rückweg immer wieder total
freuen, wieder dorthin zurückzukommen und wieder diese wunderbare Atmosphäre
atmen zu können. Die Stadt ist wirklich einzigartig und wie ich finde ganz
besonders – überschaubar und doch so lebendig, wunderschön mit Fluss und den
Docks und der Bucht, voller Studenten, voller Musik und schöner Pubs, voller
fröhlicher und offener Menschen… als wir in Limerick waren und es uns wieder
nach Galway gezogen hat, dachten wir: „Es ist ganz schön schwer, Urlaub zu
machen, wenn man schon an dem allerschönsten Ort zuhause ist“. Ich weiß, „zuhause“
gibt es an vielen Orten – aber nun ist es einer mehr geworden und wären meine
liebsten Menschen hier, die ich hier sehr vermisse, dann könnte ich für immer
hier bleiben. Und ich weiß jetzt schon, was ich auf jeden Fall vermissen werde,
wenn ich wieder in meinem anderen „zuhause“ angekommen bin – die frische Luft,
den besonderen Himmel, von Möwen geweckt zu werden, die MUSIK, die vielen
Menschen, die einen auf der Straße anlächeln, die PUB-Kultur und natürlich das
Meer…
Aber da die Überschrift hier
nicht „Lobeshymnen an Galway“ heißt, sondern „Limerick“, hier natürlich noch
das Fazit zu Limerick: Ein bisschen das Ruhrgebiet Irlands würde ich sagen –
nicht unbedingt schön, aber wieder ganz anders, als die mir zuvor bekannten
Orte und damit interessant, zum Shoppen gut geeignet, zum Urlaub machen nicht
zu empfehlen (angesichts der vielen, schöneren Alternativen) ;)
| Schreckliche Kirche |
Irisch-Mühen
Vorletzte Woche wurde ich von
meiner Irisch-Lehrerin Juanne zu einem Pubtreffen mitgenommen, dessen Sinn es
ist, zusammen zu kommen, um sich auf Irisch zu unterhalten – da Irisch hier ja
ansonsten nicht mehr wirklich gesprochen wird. Ich versuchte im Vorfeld
mehrfach, ihr deutlich zu machen, dass ich nicht in der Lage sein werde, auf
Irisch Gespräche zu führen, aber sie meinte, es ist für jedermann und ich kann
ja einfach mal mitkommen. Und wenn ich eine Tasse Tee auf Irisch bestelle,
bekomme ich sie an dem Abend vom Pub ausgegeben. Wenigstens das wurde natürlich
im Vorfeld gelernt – „Cupán tae le do thoil“ – und damit wagte ich es leichten
Mutes dorthin. Naja, der Abend war ganz nett, aber verstanden hab ich so gut
wie nichts und gesprochen hab ich wenn dann auch nur Englisch mit einzelnen
Irischen Wörtern, wenn ich mal eins kannte. Wer mit mir reden wollte, hat immer
erst auf Gälisch was gefragt und dann auf Englisch nochmal. Klang sehr witzig,
aber naja. Ein paar Tage später kam dann tatsächlich eine E-Mail von einer Frau aus diesem Irisch-Treffen – ziemlich
lang und komplett auf Irisch – ich konnte zwar meinen Namen darin entdecken und
denke mal, dass es was mit dem Kurs oder dem Treffen zu tun hatte, konnte aber
nicht fassen, dass sie meint, ich würde jetzt eine komplette E-Mail auf Gälisch
verstehen können. Mittlerweile hat sich der Irisch-Kurs auch erweitert, sodass
ich nun mit einer leicht verwirrten Oma dort bin, die etwa auf dem gleichen
Level ist wie ich, allerdings jetzt aber auch noch mit dieser Frau aus dem
Treffen, die schon fließend Irisch spricht und auch diese bekloppte Mail
verfasst hat. Und dann war an einem Tag sogar mal eine Studentin dabei, die aus
Ungarn kommt, und dort tatsächlich schon einen Irisch-Lehrer hatte, sodass sie
einfach obwohl aus Ungarn schon voll viel kannte (Sie meinte, sie hat wohl den
einzigen Irisch-Lehrer in Ungarn erwischt). So ein bisschen verarscht kam ich
mir in dieser Konstellation ja schon vor… ;) Naja, letztes Mal war die Studentin
nicht mehr dabei, dafür noch eine weitere Oma, die schon fließend reden kann…
seitdem sich die Gruppe so erweitert hat, finde ich es sehr chaotisch und alles
geht mega schnell, sodass ich überlege, bald den Kurs zu beenden. Ich versuche
schon viel zu lernen, aber ich kann nicht mit fließenden Irisch-sprachlern
mithalten und durch die ist die Haupt-Gesprächs-Sprache im Kurs nun auch
Irisch, wodurch ich eh schon nichts mehr checke. Naja, mal sehen, wie es damit
weitergeht.
Besucherwochenende mit Martina & Melli
Letztes Wochenende waren von
Donnerstag bis Montag Martina und Melli zu Besuch. Es war ein sehr schönes
Wochenende, auch wenn ich leider etwas angeschlagen war, da ich die Woche zuvor
wieder dick erkältet und bis dahin noch nicht wieder wirklich gut genesen war.
Wir hatten gemütliche Abende im O’Connors Pub, einen schönen
Galway-Besichtigungs-Tag und am Freitag ging es mittels Bus durch Connemara –
die Landschaft, die nordwestlich an Galway grenzt. Die Bustour ging 7 Stunden
lang und führte durch die ganz besondere Connemara-Landschaft, die mich
irgendwie mehr an eine Art Mond-Landschaft erinnert und mir immer wieder etwas
unweltlich vorkommt. Es ist eine steppenartige Torf-Landschaft, die sich vor
allem durch braune Hügel und Seen dazwischen auszeichnet – aber bevor ich hier
versuche, mir eine passende und geologisch inkorrekte Beschreibung aus den
Fingern zu saugen, guckt ihr euch lieber einfach die Fotos im folgenden Post
dazu an. Ein Merkmal dieser Region ist auch die große Anzahl von Schafen, die
auch gerne mal auf den Straßen umherwandern und auch tauchen hin und wieder
Pferde in dieser Landschaft auf, was das Bild dann perfekt macht. Ich bin sehr
fasziniert von dieser Region und war es auch damals schon, als ich mit meiner
Mutter vor ein paar Jahren mal auf einer Irland-Rundreise dort vorbeikam. Ich
finde, auch wenn sie vielleicht nicht das auf den ersten Blick mega
Beeindruckende von Steilklippen oder gegen Felsen prallende Wellen o.ä. hat,
ist sie in ihrer Weite und Beschaffenheit ein ganz einzigartiges Fleckchen der
Insel mit einem ganz eigenen Charakter. Leider aber ist es für mich etwas
anstrengend, mit einem großen Reisebus durch diese Natur zu tingeln, mit
festgelegten Stopps und Zeiten und ich habe mir mal wieder sehr ein Auto
herbeigewünscht, mit dem man sich einsam und allein durch die Straßen
schlingeln kann und an einem kleinen See mit Wasserfall zwischen den Hügeln
anhalten kann, um sich von Wildpferden anknabbern zu lassen (hach – so wie
damals, Mama ;)) Naja, immerhin gibt es diese Bustouren, da sie die einzige
Möglichkeit sind, auch ohne Auto diese Ecken erfahren zu dürfen. Zurück von der
Bustour gingen wir noch etwas in der Stadt essen, etwas trinken und machten
einen Spaziergang zurück zur Bucht und unserer Wohnung. Martina & Melli
machten noch eine weitere Bustour am Sonntag, durch die Burren-Region – die Landschaft,
die südöstlich an Galway grenzt – und von der ihr schon viele Fotos gesehen
habt (fast alle Landschaftsfotos an den steinigen Klippen, oder am Hochgrab
bzw. an Ruinen stammen alle aus dieser Landschaft) – auch wunderschön dort und
ganz anders als Connemara, aber da Fredi und ich schon zweimal in kürzerer Zeit
dort waren, blieben wir am Sonntag zuhause und ich versuchte für die nächste
Woche wieder richtig gesund zu werden. Leider hatten die beiden Pech mit dem
Wetter – und so kamen sie völlig durchnässt abends an und auf den Fotos, auf
denen eigentlich die größten Klippen Irlands zu sehen sein sollten, zeigte sich
nur dicker, weißer Nebel! :D Ihr Armen! Insgesamt wieder ein Wochenende mit
vielen schönen neuen Eindrücken und somit noch einmal ein liebes Dankeschön an
euch Besucherlein! :)
Fredis Geburtstag
Am Dienstag war dann Fredis
Geburtstag – 24 ist er nun, aber er weigert sich immer noch erwachsen zu
werden! ;) Weiser Mann ;) Wir mussten beide arbeiten an dem Tag, aber dafür
wurde dann nach Feierabend gefeiert und es war ein sehr schöner Tag! Kuchen,
Geschenke und ein Abendessen im China-Restaurant. Während Fredi im Vorfeld
etwas unglücklich darüber war, am Geburtstag so weit weg von Familie und
Freunden zu sein, war es dann doch aber ein total fröhlicher Tag und die Freude
war groß über die lieben Skype-/ Telefon-/ Online-/Post-nachrichten, die ihn
erreicht hatten.
Neues aus der Krippe
Ja, in der Krippe geht es weiter
auf und ab, doch insgesamt kann ich sagen, dass ich mittlerweile wirklich keine
Lust mehr auf das Praktikum habe. Ich hab das Gefühl, den Alltag in der
Einrichtung mit allem was dazu gehört nun zu genügen mitbekommen zu haben und
die Vorstellung, das gerade einmal Halbzeit vorbei ist, bekommt mir gerade
nicht so gut. Ich merke einfach, dass ich nicht für die Arbeit in einer Krippe
oder Kita gemacht bin und dass es nicht das ist, was mein Herz öffnet. Auch
merke ich immer wieder, dass ich einfach nicht mit dem Rest des Teams „verschmelzen“
kann, weil ich mich doch sehr anders fühle in vielen Dingen und so fehlt es mir
auch sehr an Gesprächspartnern im Alltag, die mir ähnlicher sind. Was mir auch
schwer fällt, ist die Rolle als Praktikantin im ganzen Geschehen – ich bin als
Praktikantin natürlich am untersten Ende der Team-Kette und das obwohl ich
theoretisch schon länger in der Ausbildung/ im Studium bin, als die anderen,
wegen den unterschiedlichen Ausbildungslängen in Deutschland und Irland. Natürlich
fehlt mir die Praxiserfahrung, aber dennoch gibt es einige Dinge, die ich
beobachte, ohne sie ändern zu können und das führt dazu, dass ich in der
Ausführung Dinge mittrage, die ich selbst ganz anders entschieden hätte und den
Ausgleich zu finden, zwischen Authentizität und Loyalität der Einrichtung
gegenüber fällt mir sehr schwer. Z.B. gibt es hier noch kein sonderliches
Bewusstsein in Hinblick auf Ernährung – ich bin immer wieder fassungslos
darüber, wie viele Chips und Süßigkeiten schon die kleinsten Babies und alle
unter 3 Jahren bekommen (z.B. wenn jemand Geburtstag hat), oder dass alle
durchgehend Saftschorle zu trinken bekommen, obwohl die Erzieherinnen selbst
wissen, dass Zucker super schädlich ist in dem Alter. Auch die Art und Weise,
wie Kinder für ihr Äußeres gelobt werden finde ich sehr schwierig und das Aufstylen
und Zurechtmachen vieler kleiner Mädchen – die zwar zum Teil schon mit unter 2
Jahren mega dick sind, dafür aber die ganze Zeit für ihre pinken Kleidchen und
glitzernden Schühchen und blonden Löckchen gelobt werden, oder auch gerne mal
für das kleine Pelzmäntelchen. Die Art, wie mit dem Thema Ernährung und dem
Thema Erziehung von Mädchen umgegangen wird, finde ich sehr unschön und in
diesem Gefüge auf welche Art auch immer beteiligt zu sein, ist nicht immer
leicht. Vor zwei Tagen bekam ich mit, wie ein kleiner Junge einen Iso-Drink (so
einen Sportdrink für Erwachsene) dabei hatte und die Erzieherinnen sich total
darüber aufgeregt hatten und meinten, dass es verboten ist, so etwas
mitzubringen, aber die Eltern es einfach ignorieren. Auf meine Nachfrage, was
denn genau verboten sei, meinten sie: „Ja, zuckrige Getränke – so wie dieses
oder Cola oder Fanta“ – und dann meinte ich „Und was ist mit der Capri Sonne
da? Und mit den Trinkpäckchen?“ – „Ja stimmt, da ist auch Zucker drin, aber das
ist okay – verboten sind sprudelnde, zuckrige Getränke wie Limo oder Cola, weil
das die Zähne verrotten lässt, hast du mal gesehen, wie viele Kinder schon
schwarze Zähne haben?“ Dann meinte ich: „Ja klar – aber was ist denn mit dem
Saft, den wir ihnen jeden Tag geben?? Da ist doch auch total viel Zucker drin….“
– „Ja stimmt – aber das ist nicht so schlimm, aber klar, Wasser wäre besser –
das wird ja auch für Kinder empfohlen.“ Hm ja, immerhin gab es mal diese
Diskussion, auch wenn sie sehr unlogisch ist und heute kam die gleiche
Erzieherin dann nochmal zu mir und meinte: „Du, trinken die Kinder in Deutschland
so früh noch keinen Saft?“ und später hatte ein Kind Wasser mit Geschmack dabei
und dann kam sie wieder zu mir und meinte „Aber guck mal hier, dieses Wasser
ist doch gar nicht schlimm oder?“ – Und es tat mir schon fast leid, sie wieder
enttäuschen zu müssen, da dieses Wasser mit Geschmack einfach eins der
ungesündesten Sachen ist, die man trinken kann, weil so unglaublich viel Zucker
drin ist und auch andere Dinge, die zum Teil krebserregend sein können. Ich
mein, ich will ja nicht den Moralapostel spielen – jeder trinkt solche Sachen
immer mal wieder und in Maßen ist es ja auch vollkommen okay – aber Kinder
unter 3 Jahren brauchen doch echt noch einmal einen ganz anderen Schutz vor
solchen Dingen – und in Maßen heißt nicht, in der Nuckelflasche, die
ununterbrochen zwischen den Zähnen
hängt. Wie auch immer – ich war zumindest schon einmal sehr froh
darüber, dass sich endlich mal jemand für meine Meinung interessiert hat und
vielleicht auch für das Wissen, dass ich mitbringe – allein dadurch, dass ich
aus einem anderen Land komme und eben auch seit zwei Jahren im Studium bin.
Ein schrecklicher Tag
Im Moment habe ich mit meinem
Projekt zu tun - eine kleine Forschung zum Thema „Erziehungsziele und –maxime“.
Ich möchte also der Frage nachgehen, welche Ziele und Grundsätze in der
Erziehung den Eltern und Erzieherinnen in Westside besonders wichtig oder auch
weniger wichtig sind. Die Ergebnisse würde ich dann gerne mit Studien aus
Deutschland vergleichen und auch sehen, ob es Unterschiede gibt, zwischen Eltern
und pädagogischen Fachkräften. Eigentlich wollte ich auch die Ergebnisse in
Hinblick auf Irish Traveller und Nicht-Traveller vergleichen, da die Irish
Traveller eine eigene ethnische Gruppe in Irland darstellen, mit einer ganz
eigenen Kultur und eigenen Erziehungswerten, etc. Doch sind die Traveller auch
eines der am stärksten diskriminierten Minderheiten der Welt, welches ich
unterschätzt hatte.
Letzten Montag passierte es dann,
dass mich ein Vater, der zur Traveller Community gehört, lautstark als Rassist
beschimpfte, als er sah, dass im Fragebogen die Zugehörigkeit zur Traveller
Community abgefragt wurde. Er schrie es quasi durch den ganzen Raum, was zwar eher
„als Joke“ gemeint war, nach der Interpretation der anderen, jedoch alles
andere als lustig war. Er rief dann auch nochmal zu einer Kollegin von mir: „LINDA,
DID YOU HEAR THAT, SHE’S A RACIST!“ und dann durch den ganzen Raum weiter: „YES
I’M A TRAVELLER – DID EVERYONE HEAR THAT? I’M A TRAVELLER AND I’M PROUD!“ Er lachte
zwar dabei, aber es war irgendwie mega zynisch und schrecklich und ich merkte,
dass sich auch seine kleine Tochter immer mehr Richtung Ausgang bewegte und
sehr verängstigt aussah, was mir unfassbar leid tat. Ich war ziemlich
fassungslos von dieser Attacke und fühlte mich einfach nur elendig. Ich versuchte
zwar, mich bei der Arbeit zusammen zu reißen, dennoch habe ich gefühlt von
12:30h an, als das passiert war, bis spät abends nicht mehr aufgehört zu heulen
und habe den Tag als einen der schlimmsten Tage meines Lebens in Erinnerung.
Rassisten sind einfach die Menschen, die ich am meisten verabscheue und ich
hatte mir im Vorfeld so viel Mühe gegeben, niemandem auf den Fuß zu treten,
weil ich schon wusste, dass es ein sensibles Thema war. Ich hatte Bücher
gelesen über die Travelling Community und viel recherchiert, aber ich war
trotzdem viel zu naiv herangegangen. Ich dachte, ich könnte mit der kleinen
Forschung vielleicht beweisen, dass es zwischen den Gruppen gar keine so großen
Unterschiede gibt und so das ein oder andere Vorurteil beiseite räumen. Doch es
war viel zu naiv von mir zu glauben, ich könnte mich als „Außenstehende“ in
diese Befindungen einmischen und irgendetwas verändern. Mir war nicht bewusst,
wie stark die Diskriminierungen tatsächlich einfach jeden Tag hier präsent sind,
und dass dies alles eher „unausgesprochen“ passiert, sodass man das Wort „Irish
Traveller“ quasi gar nicht erst in den Mund nehmen darf.
Als dieser Vater weg war, bekam
ich erst noch einen Anschiss von der Gruppenleitung, dass ich im Fragebogen an
einer Stelle eine ungünstige Übersetzung gewählt hatte und ansonsten sagte, bis
auf Joanne, erst einmal lange niemand etwas dazu, obwohl fast das komplette
Team im Raum war, als das passierte. So habe ich mich einfach nur mega schlecht
gefühlt, für das, was ich ausgelöst hatte, auch da ich nicht wusste, was die
anderen wohl darüber denken mögen. Erst nach und nach kamen Leute zu mir, die
dann meinten, dass ich mir keine Gedanken machen soll, da dieser Vater ein
total schrecklicher Typ ist, der immer einen Grund sucht, Streit anzufangen und
zu allem einen blöden Spruch macht. Sie meinten auch, dass er es wahrscheinlich
überhaupt nicht ernst meinte. Eine Kollegin hatte sogar das Gefühl, er sei total
betrunken gewesen und überhaupt nicht bei Sinnen. Sie meinten dann also, dass
es keinen Wert hat, was er meinte. Ich entschied mich dann aber an dem Tag noch
dafür, diese brenzlige Frage aus dem Fragebogen zu nehmen – denn auch wenn es
von dem Vater nicht ernst gemeint war – hinter jedem Spaß steckt auch etwas
Wahres und es hat mir gezeigt, wie krass sensibel dieses Thema einfach ist und
wie ich es unterschätzt hatte.
Die Iren wissen glaube ich auch
nicht, wie schlimm es ist, mich als Deutsche als Rassistin zu beschimpfen –
manche Iren sagen selbst von sich „Ja ich bin Rassistin, ich hasse Traveller!“
und das ist dann wohl okay. Auch kam tatsächlich von meiner Kollegin der Spruch
„Man sollte diesen Kerl doch in die Gaskammer stecken“ und die Leute lachen
ganz normal darüber, während ich nicht fassen kann, was hier gerade geredet
wird und was hier überhaupt abgeht. Habe natürlich versucht, den Leuten zu
erklären, was dieses Thema für jemanden aus Deutschland bedeutet und auch, dass
es für mich einfach das Schrecklichste ist, das man zu mir sagen könnte.
Gestern erst hat mich dann auch meine Chefin auf die Situation angesprochen,
aber sie hat mich auch beruhigt und eher unterstützt. Sie hatte mich nicht eher
darauf angesprochen, da die anderen Mädels meinten, man solle das Thema besser
nicht mehr erwähnen, weil es mich so extrem getroffen habe. Ich war sehr froh,
dass sie es mir so sagte, weil es kein gutes Gefühl ist, nicht zu wissen, was
die Chefin über diese Situation denkt. Naja, dieser Vater hat nie wieder etwas
dazu gesagt und im Nachhinein glaube ich auch, dass es nur ein ziemlich dummer
Spruch war, aber trotzdem tut es mir unglaublich leid, dass ich jemandem aus
der Traveller Community nun selbst das Gefühl der Diskriminierung gegeben habe,
egal wie es rational zu verstehen gewesen wäre – ich hab‘s einfach ziemlich
vermasselt und werde da noch ein Weilchen dran zu knabbern haben. So viel zu
diesem schrecklichen Kita-Tag.
Es weihnachtet
Sooo kann ich den Eintrag jetzt natürlich nicht beenden, daher noch eine erfreuliche Aussicht: Morgen findet wieder eine kleine Parade in der Innenstadt statt, die glaube ich zur Eröffnung der Weihnachtszeit gedacht ist und dann werden um 18 Uhr die Weihnachtslichter in der Stadt angeschaltet und der Weihnachtsmarkt wird eröffnet. Galway ist mit Dublin glaube ich die einzige Stadt in Irland, die einen Weihnachtsmarkt hat und ich freu mich unglaublich auf den Beginn der weihnachtlichen Zeit, da ich die dunkle Jahreszeit ansonsten sehr ermüdend und schwer finde. Auch wenn die Weihnachtsdeko hier nur so vor Kitsch und Übertreibung strotzt, freu ich mich auf jedes Lichtlein, dass das Dunkle etwas erhellt und zum Leuchten bringt.
So far so good! Alles Liebe an
euch und euch natürlich auch einen schönen Beginn der Weihnachtszeit! <3
p.S.: Sorry für die Überlänge!!
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